Grafik: Jessica Starzetz / BDKJ Aachen

„Liebt einander!“ Aber wie mit der katholischen Sexuallehre umgehen?

20. Januar 2021

Anlässlich unseres Beschlusses „Anerkennung, Wertschätzung, Segnung. Für einen neuen Umgang mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen“, der einstimmig auf unserer außerordentlichen Diözesanversammlung am 21.01.2021 beschlossen worden ist, haben wir persönlich Betroffene, verschiedene Expert*innen und katholische Initiativen zur katholischen Sexuallehre befragt. Die Statements findet ihr auf Instagram (@BDKJAC) sowie Facebook (@BDKJ.Aachen) und hier:

„Durch mein Outing hat sich die Kirche für mich verändert, trotz dessen, dass ich das Glück hatte selbst dort zumindest ein wenig Akzeptanz zu erleben. Vor meinem Outing bekam ich kaum Schlaf.
Als Transgender passe ich dort nicht rein und es gibt leider kaum einen Ort, an dem die Verachtung greifbarer ist. Meistens subtil. Ich kann es in den Blicken spüren, das Unausgesprochene: Du tust etwas Verbotenes, etwas, das wir eigentlich nicht hier haben wollen.
Ich weiß nicht, gegen welche Regel ich verstoße, wenn ich meinen Körper anpasse, um glücklich zu sein. Ich mache das nicht aus Spaß. Ich habe mich nicht entschieden, Trans zu sein. Ich habe mich entschieden, zu leben, statt zu überleben.
Seit ich weiß, wer ich bin ist die Art, wie ich glaube, mehr von Vertrauen und das Verhältnis zur Kirche mehr vom Konflikt geprägt. Viele verstehen das Konzept Nächstenliebe anscheinend nicht. Glaube existiert für mich in einer Nische, in der ich mich wohl fühle, aber nicht mehr in der Kirche selber. Die Kirche gibt es für mich so gut wie gar nicht mehr. Für mich versagt sie in weiten Teilen bereits bei ihren Grundwerten.“

Fynn, 16 Jahre.
Fynn ist ein Besucher des Knutschflecks, ein Jugendtreff für LGBTQ+ zwischen 14 und 27 Jahren aus der Region Aachen. Auf unsere Anfrage zum Verhältnis junger Menschen zur katholischen Sexuallehre, die lesbisch, schwul, bi oder trans* sind, erhielten wir seine Antwort. Danke, dass wir deinen ehrlichen und persönlichen Einblick teilen dürfen!

„Segen ist ein Geschenk Gottes. Wir Menschen verdienen uns den Segen Gottes nicht für unsere nach katholischer Hochmoral anscheinend guten oder vermeintlich schlechten Handlungen und Lebensweisen. Der Segen Gottes wird erbeten und geschenkt im Heiligen Geist. Die Kirche besitzt und verwaltet nicht die verschiedenen Segen, sondern ist selbst Beschenkte. Von daher steht der Segen auch allen Menschen, die dauerhaft ihre gleichgeschlechtliche Liebe partnerschaftlich lieben, offen, weil ihre Liebe so unter den Segen Gottes gestellt wird, wenn die Menschen dies wünschen.

Die einzelnen Diözesanbischöfe können für ihre Bistümer entsprechende Segensgottesdienste zulassen und müssen hierfür nicht Rom um Erlaubnis fragen. Dabei sollten sie darauf achten, keine neue Sakramentalie (wörtlich: ein kleines Sakrament) zu etablieren, weil hier das Kirchenrecht die Mitwirkung Roms einfordert.

Ich stimme darüber hinaus dem Limburger Bischof Georg Bätzing zu, dass man in diesem Zusammenhang unbedingt die Lehre der katholischen Kirche zur Homosexualität ändern muss. In dauerhaften Beziehungen gelebte Homosexualität ist sittlich gut und darf nicht mehr wie bisher als Sünde negativ abgewertet werden. Es reicht nicht aus, nicht mehr die Homosexualität wie früher zu verurteilen, aber dann über gelebte Homosexualität ein Unwerturteil auszusprechen. Zur menschlichen Liebe gehört auch ihre leibliche, sexuelle Dimension als eine Ausdrucksmöglichkeit der empfundenen Liebe zueinander.“

Prof. Dr. Thomas Schüller Kirchenrechtler an der Universität Münster


„In meiner Jugendzeit hatte ich schon eine Ahnung, dass ich auf Männer stehe, also schwul bin. Leider fand ich keine Person, der ich vertrauen und über meine Fragen sprechen konnte. Pfarrgemeinde, Kloster, katholisches Gymnasium, alle haben damals irgendwie versagt. Schade!

Ich kenne niemanden, der wegen der römisch-katholischen Sexualmoral den Glauben verloren hätte. Allerdings haben viele von uns der Kirche den Rücken zugekehrt, weil sie sich nicht akzeptiert fühlen und weil in einigen Bereich des kirchlichen Lebens LSBTI*-Lebenswege nicht vorkommen.

Die kirchlichen Jugendverbände im BDKJ sind davon ausgenommen, da hat sich in den letzten Jahren echt viel getan. Gott liebt alle Menschen, die er geschaffen hat. Unser Glaube verbindet uns mit anderen LSBTI*-Menschen und mit vielen, die von der offiziellen Kirche verurteilt werden. Der Glaube macht uns stark, für eine gerechte Kirche zu kämpfen – bei uns und weltweit. Ich bin christlich groß geworden und sehe gar nicht ein, die Kirche aufzugeben.

Es gibt natürlich Leute, die inzwischen an Gott zweifeln, die sagen „ich kann nicht mehr glauben“, das hat aber nicht damit zu tun, dass sie lesbisch, schwul, bi, trans* oder inter* sind. Ich hoffe, dass mein Glaube mich weiterhin trägt. Dass ich spüre, Gott hält mich in seiner Hand, als schwuler, glaubender und suchender Mensch.“

Markus Gutfleisch, engagiert in der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK)

„In der Bibel spielt das Thema Homosexualität eine Nebenrolle. Die wenigen Stellen, die sich mit dem Thema beschäftigen, verurteilen homosexuelle Praktiken allerdings ziemlich eindeutig. Die meisten von ihnen sind geprägt durch eine Abgrenzung der jüdischen Tradition von Nachbarvölkern und -religionen, die offenbar homosexuelles Verhalten im Zusammenhang mit Tempelkulten oder außerhalb der Ehe kannten und akzeptierten. Es geht darin also nicht primär um Sexualität, sondern um Identität und Religion.

Aber auch ein so eindeutiges Votum der Bibel kann unsere heutigen Überlegungen nicht allein dominieren. Auch an anderer Stelle orientieren wir uns in ethischen Urteilen nicht allein an biblischen Traditionen – sonst wäre es nie auf der Basis christlicher Ethik zu einer Ablehnung der Sklaverei gekommen, die ja auch in der Bibel selbstverständlich vorausgesetzt und in deutlich mehr Texten (zustimmend) behandelt wird.

Bei Homosexualität, wie sie heute zur Debatte steht, geht es um das verantwortliche Zusammenleben zweier Menschen in Liebe, Treue, gegenseitiger Achtung, in Fürsorge
für- und Geduld miteinander – alles Werte, die der Bibel in all ihren alt- wie neutestamentlichen Traditionen zentrale Anliegen sind. Wenn zwei gleichgeschlechtliche Menschen einander lieben, schenken sie einander Vertrautheit und Geborgenheit, Intimität und Nähe – all das, was menschliche Liebe zum Bild der Liebe Gottes zu uns Menschen macht. Wie hetero-, so sind auch homosexuelle Beziehungen nicht gefeit vor Schuld und Verletzung, Kränkung, Ausbeutung und Gewalt. Auch in ihnen zeigt sich die grundsätzliche Angewiesenheit des Menschen auf Heilung, Versöhnung und Erlösung.

Wenn Sexualität biblisch als gute Schöpfungsgabe Gottes verstanden wird, und sie zu leben auch dann als legitim angesehen wird, wenn sie nicht zur Fortpflanzung dient, dann gibt es keinen kategorialen Grund mehr, Homosexualität gegenüber Heterosexualität ethisch abzuwerten. Und dann gibt es gute Gründe, mit dem Hauptstrom der Bibel gegen die die wenigen Bibelstellen, die homosexuelle Praktiken verurteilen, zu einem positiven Urteil zu gelebter Homosexualität zu finden und damit auch homosexuelle Paare zu trauen und zu segnen.“

Dr. Matthias Kreplin, Oberkirchenrat in der Evangelischen Landeskirche in Baden


„Queere Menschen werden nicht nur durch die kirchliche Sexuallehre in ihrer Entwicklung gehindert, indem ihnen Sakramente, wie die Ehe, vorenthalten werden, sondern sie stehen unter großem Rechtfertigungsdruck, wenn sie sich im kirchlichen Bereich engagieren wollen. Sowohl vonseiten der Kirche, wo man ihnen oft ihr „Katholisch sein“ abspricht; aber auch vonseiten der Community, wo man sich fragt, wie man noch für eine solche Organisation mit einer derartigen Lehre aktiv sein könne.“

Florian, KjG

„Der Wert menschlicher Sexualität liegt nicht vorwiegend in der Zeugung und damit der Erfüllung der sozialen Funktion, sondern insbesondere in der partnerschaftlichen Beziehung. Gegenseitige Achtung und die Verantwortung für das Leben stehen im Vordergrund jeder Partnerschaft.“

Aus dem Positionspapier der KirchenVolksBewegung „Wir sind Kirche“ zur Sexualethik „Sexualität als Leben spendende Kraft“ vom 08.11.2008


Muss sich die katholische Sexualmoral ändern und wenn ja, warum?

Eine Verheutigung steht an. Es geht um die unbedingte Anerkennung der Würde aller Menschen – mit unserer Leiblichkeit und unserer sexuellen Identität. Wir erleben im Alltag oft, dass Paar-Beziehungen unglaublich schön und stärkend aber zuweilen auch sehr zerbrechlich sind. Die Liebe beflügelt in vielem. Aber für unübersichtliche Wegstrecken wünsche ich mir Veränderungen, die Paare auch wirklich spüren. So wären z.B. Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare ein wunderbares Zeichen.

Birgit Mock, Geschäftsführerin des Hildegardis-Vereins, Vorsitzende des Synodalforums „Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft

Die entscheidende Frage ist, worüber man eigentlich nach-
denken will. Geht es um Sex oder um Liebe? Und wenn es (ethisch!) um Sex gehen soll, was nimmt man besonders wichtig: Dass die Sexualpartner unter bestimmten Umständen Eltern gemeinsamer Kinder werden können (das ist die so genannte Fortpflanzungsfunktion)? Dass Sex ihrer Partnerschaft guttut (Beziehungsfunktion)? Dass ihnen Sex ganz einfach Spaß macht (Lustfunktion)? Je nachdem wird man Sexualität anders bewerten. Je nachdem wird eher ein Kondom zum Problem oder ein fehlender Trauschein oder erzwungener Sex. Im katholischen Katechismus ist Sexualität als solche gar kein Thema. Es geht um Sex, insofern damit die Fortpflanzungsdimension der heterosexuellen Ehe erfüllt wird. Sie wird zum
Inbegriff eines geordneten Verhältnisses der Geschlechter erklärt. Alles, was davon abweicht, gilt als unethisch. Eine zeitgemäße Weiterentwicklung der katholischen Sexualmoral erforderte eine ernsthafte Wahrnehmung und Auseinandersetzung mit den Erfahrungen, die Menschen in ihren Partnerschaften machen, der Entwicklungen, die Gesellschaften in der Ordnung verschiedener Lebensformen genommen haben, und der Erkenntnisse, die die Human- und Sexualwissenschaften bereitstellen. Darüber hinaus steht die grundsätzliche Entscheidung an, bei der Beziehungsfähigkeit des Menschen anzusetzen, d.h. bei seiner Würde und Bedürftigkeit. Dann geht es nicht mehr um vermeintlich eindeutige sexuelle Identitäten und Orientierungen, sondern um Menschen. Nicht mehr (bloß) um Sex, sondern um Liebe.

Prof. Dr. Julia Knop
Dogmatikerin an der Universität Erfurt


Seit knapp zwei Jahren beschäftigen wir uns intensiv mit der katholischen Sexualmoral. In unserer 2019 veröffentlichten Argumentationshilfe „Liebt einander!“ nehmen wir einige Positionen der katholischen Sexualmoral unter die Lupe. Auf unserer außerordentlichen Diözesanversammlung haben wir den Antrag „Anerkennung, Wertschätzung, Segnung. Für einen neuen Umgang mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen“ mit viel Zuspruch einstimmig beschlossen, in dem wir die Einführung eines Segensritus für gleichgeschlechtliche Partnerschaften fordern. Für den 28.01. laden wir Mitarbeiter*innen im kirchlichen Dienst zum digitalen BarCamp „Kirche und/oder sexuelle Vielfalt?!“ ein, um sich zum Thema auszutauschen.
Die Argumentationshilfe „Liebt einander!“ findet ihr hier. Zum BarCamp könnt ihr euch per Mail bei unserer Referentin Mirjam Tannenbaum (mirjam.tannenbaum[at]bdkj-aachen.de) anmelden.